Einführungsrede zur Ausstellung des Oberbergischen Kunstvereins von KRITZKRATZ am 4. März 2012 in der Theatergalerie, Gummersbach.

 

Liebe Mitglieder und Freunde des Oberbergischen Kunstvereins, herzlich Willkommen zur Eröffnung der Ausstellung des Künstlerduos Lili Voigt und Marcus Krips die ihrer Kunst den Namen KRITZKRATZ gegeben haben.

KRITZKRATZ... wenn ich mir das Wort einmal auf der Zunge zergehen lasse, und die Augen für einen Moment schließe..., KRITZKRATZ..., dann kommen mir Assoziationen wie kritzeln, krakeln, ritzen. Und ich erinnere mich an meine Kindheit. Vielleicht geht es Ihnen genau so. Haben Sie auch als Kind, Blätter mit dicker Kreide oder Buntstiften vollgekritzelt? Folgten Sie auch spontan einem Einfall, malten ein Haus garniert mit Mama und Papa und darüber die Sonne? Konnten sie auch nicht genug Papier auftreiben und wollten gar nicht aufhören? Und doch, irgendwann hörten wir damit auf und bemühten uns "schön" zu malen.

Auf einmal war sie weg die Naivität, die Unmittelbarkeit. Unwiderruflich begannen wir "Erwachsen" zu werden. Die Welt erschien uns komplexer, vielfältiger aber auch undurchsichtiger. Wir spürten, mit unseren Buntstiften und Farben konnten wir das was wir wahrnahmen nur noch unzureichend darstellen. Schließlich legten wir Stift und Farbe ganz beiseite..., und.... haben wir, habe ich in diesem Lebensstadium etwas verbessert?

 

Diese und andere Fragen, drängen sich mir auf wenn ich die Arbeiten von KRITZKRATZ betrachte. Warum verschwindet das Ungestüme, das Unbändige, das Unbedingte, überhaupt das Frage stellen, weitestgehend, das sich immer in Frage stellende? Fähigkeiten die wir sicher alle einmal besaßen?

Zustände und Gefühlslagen die ich in den Bildern und Videos von KRITZKRATZ  entdecke. Das ist etwas Besonderes! Und das gefällt mir!

Aber wie gelang es ihnen, auch in ihrer Malweise, diese kindliche Direktheit zu bewahren? Denn trotz des "Gekrakels", des scheinbar einfach dahin geschmiertem, haben wir es hier nicht mit irgendwelchen Kinderzeichnungen zu tun. Im Gegenteil, das was wir auf den Bildern sehen, bedurfte einer Reflexion, einer sehr genauen Wahrnehmung, eines gewachsenen Blicks, dessen ein Kind noch nicht fähig ist.

 

Ihre Abschlussarbeit an der Kunsthochschule für Medien in Köln, die 8 m lange KRITZKRATZ CITY, übrigens nicht nur diese mit etlichen Preisen versehen und auf den wichtigsten Videofestivals vertreten, ist dafür sicher der beste Beweis.

KRITZKRATZ CITY, eine Arbeit die in ihrer Komplexität wohl einmalig ist und der Begriff MEDIEN-MALEREI, unter dem Titel ja auch unsere Ausstellung läuft, kommt hier voll zum tragen.

Nicht nur auf der Visuellen Ebene gibt es viel zu entdecken, auch unser Gehör wird  gefordert. Autogeräusche, Strassenbahnen, Busse hupen, Stimmengewirr, kurzum der Sound und die Unruhe einer Großstadt aber auch die Aggressivität dieses pulsierenden Molochs entfaltet sich vor unseren Augen und Ohren.

KRITZKRATZ arbeitet, mit altbewährten Mitteln wie Zeichnen und Sprühen, mixt aber auch Bilder aus Foto-, Stereo und Videokamera, nutzt elektronische Bildgestaltungsprogramme und das Laserlicht um uns schliesslich ein Produkt zu  präsentieren, das man als Multimedia-Objekt, interaktive Rauminstallation oder virtuelles Szenarium nur unzureichend beschreibt. KRITZKRATZ will sich nicht festlegen. Es geht ihnen um die Nutzung aller Techniken, nicht nur der manuellen Möglichkeiten, um ihr Leben und das Erlebte in unserer Gesellschaft, adäquat darzustellen.

 

Die Fotografin Lili Voigt und der Maler Marcus Krips lernten sich 1990 kennen. Ihre Verbindung entstand durch den Amiga, ein Computer der ersten Stunde. In ihm war das angelegt was das spätere Duo zum spielen brauchte. Mit dem Amiga liess sich damals schon zeichnen, Sounds erzeugen und Bilder bearbeiten. Und so saßen Lili Voigt und Marcus Krips nebeneinander und begannen spielerisch zu arbeiten, spontan, unbekümmert, ohne Respekt. Sie kritzelten und krakelten, im und ausserhalb des Computers, scannten Fotos ein, übermalten diese, druckten aus, fotografierten wieder ab, zerkratzten die Dias, scannten wieder ein, vergrösserten das Motiv, übermalten aufs Neue, arbeiteten Töne heraus, legten Sounds an und switchten die Bilder hin und her, von einem Amiga zum anderen. Wieder begann alles von vorn. Jeder der Beiden tat seinen Teil hinzu, wieder veränderte sich das Bild, das Vorhergehende.

Und ich seh' die Beiden vor mir, was für ein langwieriger Prozess damals und doch irgendwie Rock'n Roll und Rap. Sie mussten in einem Gefühl der Schwerelosigkeit leben, ohne Zeit und Raum als KRITZKRATZ entstand. Denn den Aufwand sieht man den Produkten zum Glück nicht an.

 

Heute, technisch aufgerüstet, zu Apple gewechselt, hat KRITZKRATZ nichts von seiner Radikalität einbüßt. Diese Radikalität, im doppelten Sinn, eindringlich dargestellt zum Beispiel in der Arbeit mit dem schlichten Titel "NATUR" in der sich, wie wir sehen, diese Natur eben nicht bändigen lässt, radikal ihren Platz beansprucht, sich trotz aller Mühen unsererseits ihren Weg bahnt und uns Menschen in ihren Kreislauf zwingt. Ein Thema, mit dem wir gerade hier in unserer ländlichen Gegend tagtäglich konfrontiert werden. Wo so manches Gänseblümchen, das es wagt seinen Kopf durch die Ritzen einer Betonstein-Auffahrt zu stecken, schnell mal mit dem Flammenwerfen niedergemäht wird. Und dennoch scheint unsere Radikalität gegenüber der NATUR nicht auszureichen, wie es KRITZKRATZ uns zeigt.

 

Andere Arbeiten entstehen, Verrücktheiten im wahrsten Sinn des Wortes, den Alltag verrückende, schräge Arbeiten. In denen die Macher, so scheint es mir, ihr Innerstes nach außen kehren und sich nicht scheuen uns eine andere Seite ihrer Befindlichkeiten, mitzuteilen. Die Serie der "STILLEBEN" gibt davon Kenntnis.

Sie werden sich fragen warum gerade "STILLEBEN", ein Motiv welches durch die Jahrhunderte wohl von fast jedem Künstler zitiert wurde. Und doch! Gerade in diesem Wechselbad der Gefühle die hier, in diesen Arbeiten, zum Ausdruck kommen, liegt das Verrückende, das Verrückte von KRITZKRATZ. Es ist eben nicht nur der Punk der Großstadt mit all seinen Facetten die das Duo beschäftigt, da ist auch die Sehnsucht nach Harmonie und Eintracht, nach Stille und Schönheit, nach Ruhe und Geborgenheit die in den Blumenbildern von M. Krips zum Ausdruck kommen. Auch das ein Blick auf unsere Gesellschaft.

 

Und diese Arbeiten stehen gleichwertig zu all den anderen Videos, Holographien, Lichtmalerein, Graffitis in denen die Themen von außen und innen, die Themen der Strasse in Bezug zum Individuum dominieren. In denen wir Unaushaltbares wie Rassismus und Intoleranz, Ausbeutung und Gewalt, Umweltverschmutzung, gepaart mit der ganzen sozialen Misere, dem Kulturschock... und all dieser Übel unseres alten und neuen Jahrtausend gewahr werden.

Es lässt mich nicht kalt, denn da gibt es nichts Distinguiertes, Cooles, Erhabenes. Wie auch, es hat sich ja nichts geändert.

Noch immer wirkt alles wie hingerotzt, digital umgesetzt, mit schnellem Strich in die Virtualität katapultiert, oder zu Papier gebracht.

Doch in der Tat, selten hat eine Kunst wie die von KRITZKRATZ, als Spiegelbild einer Generation die auf dem Altar des Profits geopfert wurde, deren Empfindungen besser dargestellt. KRITZKRATZ ist ungebrochen, wild und ungestüm, und genau diese Wut macht mir Mut!

Marianne Saul